Alle Artikel von M. Berger

Vor zwei Wochen sorgte die bevorstehende Wahl von Martin Schulz zum SPD-Kanzlerkandidaten für politisches Aufsehen. Die Meinungsumfragen verbuchen seit dem eine verstärkte Zustimmung für die Sozialdemokraten  – auf Seiten der CDU/CSU wartete man nicht lange mit Kritik. Der Wahlkampf hat begonnen.

Unter den Kommentatoren dieser Entwicklung finden sich natürlich auch Vertreter der Soziologie, aus deren Reihe hier exemplarisch zwei erwähnt werden sollen.

 

Stefan Lessenich

Stephan Lessenich, Professor für Soziologie an der LMU München, sieht Martin Schulz im Vorteil, weil er „neu ins Spiel“ einsteige. Sein Interview im Deutschlandfunk: LINK

 

Prof-Dr-Armin-Nassehi

 

Armin Nassehi, ebenfalls als Professor für Soziologie an der LMU München tätig, sieht für die SPD die Chance für einen wirklichen Neuanfang vertan.
Sein Interview in Deutschlandradio Kultur: LINK

 

 

Wir freuen uns über Kommentare zu den kontroversen Stellungnahmen.

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Panama Papers: Vom Steuernsparen zur Dialektik der Globalisierung

Die vorläufigen Enthüllungen der Süddeutschen Zeitung über Scheinfirmen in Panama, die als Mittel der Vermögensverschleierung eingesetzt werden, schlagen seit Anfang des Monats große mediale Wellen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch die Politik den vielen Worten entsprechende Taten folgen lässt und Maßnahmen ergreift, die den systematischen Steuerbetrug zu verhindern sucht, der durch die Einrichtung von so genannten Briefkastenfirmen in Ländern mit günstigen Steuerbedingungen stattfindet. Was bereits jetzt, vor den noch folgenden Veröffentlichungen, Untersuchungen und Ermittlungsergebnissen festzustellen ist: Das Ausmaß des mutmaßlich halbweltlichen finanzwirtschaftlichen Systems, als welches das Netz aus Scheinfirmen, Banken und Anwaltskanzleien betrachtet wird, hat eine weltweite Welle an (empörten) Reaktionen hervorgerufen, wie sie im Finanzbereich seit der letzten Krise kaum erregt wurde. Wie lässt sich der Diskurs und seine Objekte – die aufgedeckten Steuersparer – soziologisch erklären?

Über die Debatte zu den Panama Papers lässt sich soziologisch zunächst einmal festhalten: Die globalen kapitalistischen Strukturen, die in der großen Datensammlung aufgedeckt wurden, erfahren in ihrer Beurteilung eine bestimmte Deutung, die auf eine Verletzung grundsätzlicher Handlungsprinzipien hinweist. Steuerhinterziehung durch die Auslagerung von Kapital in andere Länder gilt als bewusste Schädigung der jeweiligen nationalen Gesellschaft und ist zu bestrafen. Zugleich wird im Diskurs über den Umgang mit den Steuersündern aber auch großen Emotionen Vorschub geleistet: Das Anprangern von Gier und Maßlosigkeit hat nicht erst seit der letzten Finanzkrise den Eindruck von eigenem Neid gegenüber den Gewinnern (vgl. Neckel 2012a). Schließlich liegt dem Handeln der Personen, die in den Panama Papers gelistet sind, eine allzu bekannte Überlegung zugrunde: Wo sind die optimalen Voraussetzungen für wirtschaftlichen Profit zu finden?

Die halblegalen bis illegalen Randbedingungen, die im öffentlichen Diskurs angeprangert werden, spielen in der Rationalität der globalen kapitalistischen Gewinnmaxime keine Rolle. Juristische Grenzen sind schließlich nicht nur für die Finanzwelt eine Hürde, für deren Überwindung professionelle Akteure aller Art eingesetzt werden. Für die jeweiligen Bedürfnisse, die sich in optimierten Firmen-, Fonds- und Anlagekonstruktionen verkörpern, muss nur der richtige Standort gefunden werden. Auf besondere Weise lässt sich hier die Verknüpfung von lokaler Politik und globalen Interessen ablesen. Sie lässt sich in jedem weltweiten wirtschaftlichen Unternehmen beobachten: die Verlagerung von Arbeitsplätzen in Länder mit geringerem Durchschnittseinkommen, die Ressourcenzufuhr aus verarmten Regionen mit undemokratischen Strukturen, etc. Die mittels der Panama Papers aufgedeckten privatwirtschaftlichen Gebaren elitärer Kreise sind zum einen ein Zeichen ihrer räumlich-nationalen Entgrenzung, die gerade in den Fällen von Staatschefs oder Regierungsmitgliedern peinlich anmutet. Ihre globale Vernetzung ermöglicht ein privatwirtschaftliches Handeln in Räumen, die allein aus dem Grund der fehlenden Expertise für den Durchschnittsbürger außerhalb des üblichen Handlungsradius liegen. Zum anderen zeigt sich die Abgehobenheit dieser Kreise vom Durchschnittsbürger. Die professionellen Strukturen, die in Form von Kanzleien, Steuerberatern und vermittelnden Banken bespielt werden, verhelfen deshalb letztlich dazu, was Sighard Neckel die „Refeudalisierung“ der Gesellschaft nennt (2012b). Sie lässt die Panama Papers zur Namensliste einer globalen Oberschicht werden, die ihr Kapital vor der bürgerlichen Gesellschaft schützen will.

Dem kapitalistischen Systemdenken wird auch durch diese Enthüllung kein Schlag versetzt. Der Kapitalismus hat sich – wie Boltanski und Chiapello (2013) analysieren – über die Jahrhunderte seines Bestehens hinweg stets als anpassungsfähig erwiesen. Die Epochen der massiven Kapitalismuskritik ließen ihn diese Kritik aufnehmen anstatt sie abzuwehren. Zwar sind die kritischen Kategorien dadurch nicht vollständig aufgelöst worden, doch die Wirkkraft antikapitalistischer Kritik hat sich zweifellos verringert. „Der Kapitalismus ist mit einem Frühwarnsystem ausgestattet, das sich nicht in den Marktautomatismen erschöpft“, bilanzieren Boltanski/Chiapello (2013: 555). Und so lassen auch jene Debattenbeiträge, die Maßlosigkeit und Gier anprangern, mehr oder weniger bewusst außen vor, dass die globale Optimierung von Produktions- und Kostenparametern für unsere alltäglichen Konsumgüter längst viel größere Schäden in den betroffenen Ländern angerichtet hat als der Entzug von Steuergeldern es in Westeuropa wahrscheinlich je könnte. Der gesellschaftliche Massenkonsum ist es letztlich, der den wirtschaftsstarken Dynastien erst die Möglichkeit verschafft Gewinne aufzutürmen. Dass deren Entstehungsgrundlage ebenso wie die Voraussetzungen für ihren größtmöglichen und dauerhaften Erhalt zumeist außerhalb der westlichen Sphäre liegen, wo sie jedoch ihren sozial distinguierenden Charakter entfalten sollen, muss einer Dialektik globaler Sozialität geschuldet zu sein. Die Abgehobenheit dieser Elite scheint sich dadurch auszuzeichnen, die Globalisierung nicht mehr als prozesshafte Vernetzung anzustreben, sondern (unter Beteuerung des Gegenteils) längst sämtliche Lebensbereiche derart ausgedehnt zu haben – ein Leben in der Globalität. Der Umgang mit den Panama Papers ist in Zeiten des Diskurses über westliche Werte dabei als besonderer Prüfstein zu verstehen. Schlägt auch hier das vermeintliche Gerechtigkeitsbarometer der besorgten Bürger aus? Es spricht nämlich für sich, dass unter den aufgedeckten Firmenbesitzern die Führungsriege des französischen Front National vertreten ist.


Quellenangabe:

Boltanski, Luc & Chiapello, Ève 2013 (2003): Der neue Geist des Kapitalismus. UVK, Konstanz.

Neckel, Sighard 2012a: Der Gefühlskapitalismus der Banken. Vom Ende der Gier als ‚ruhiger Leidenschaft‘. In: Klaus Kraemer & Sebastian Nessel (Hrsg.): Entfesselte Finanzmärkte. Soziologische Analysen des modernden Kapitalismus. Campus, Frankfurt am Main.

Neckel, Sighard 2012b: Refeudalisierung der Ökonomie. Zum Strukturwandel kapitalistischer Wirtschaft. In: Herbert Kalthoff & Uwe Vormbusch (Hrsg.): Soziologie der Finanzmärkte. transcirpt, Bielefeld.

 

Lesenswertes zu den Panama Papers:

ZEIT ONLINE (6. April 2016): Keine Steuer ohne Flucht

SPIEGEL ONLINE (6. April 2016): Leak ist Pop!

NETZPOLITIK.ORG (7. April 2016): Neue EU-Richtlinie bedroht Pressefreiheit

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FILE - In this June 16, 2014 file photo, demonstrators chant pro-Islamic State group, slogans as they carry the group's flags in front of the provincial government headquarters in Mosul, 225 miles (360 kilometers) northwest of Baghdad. ISIS placed eighth on Google's list of 2014's fastest-rising global search requests, the company said Tuesday, Dec. 16, 2014. (AP Photo, File)

Der Islamische Staat – Massenbewegung gescheiterter Krisenbewältiger

Terror im Namen des Islam hat spätestens seit dem 11. September 2001 eine globale Dimension erreicht. Anderthalb Jahrzehnte nach den Anschlägen durch Al-Qaida strebt mit dem „Islamischen Staat“ (IS) eine andere islamistische Bewegung danach, erst den Nahen Osten und von dort die ganze Welt zu erobern, – soweit zumindest die dokumentierten Absichtserklärungen. Die militärischen Interventionen der NATO-Mächte im Irak und in Afghanistan, der Bürgerkrieg in Syrien, das andauernde Ringen der sunnitischen Saudis und der schiitischen Iraner um die Vorherrschaft in der islamischen Welt, etc.: Die Gründe für das machtpolitische Vakuum, in das der IS stoßen und wachsen konnte, sind sicherlich zahlreich. Einzigartig (und deshalb hier zum Thema gemacht) ist jedoch der Stellenwert, den „ausländische“, vor allem auch aus Europa stammende, junge und jugendliche Kämpfer für den IS ausmachen. In diesem Beitrag – mit dem auf die soziologische Debatte Bezug genommen wird, die Stefan Kühl mit seiner Analyse Ende November 2015 eröffnet hat – soll deshalb genauer dargestellt werden, worauf bei der Betrachtung des IS m.E. der Fokus liegen sollte um Anstöße zu bieten, wie der IS weiter begriffen werden kann.

Als Weiterentwicklung der These Kühls von der „Verorganisierung des Islamismus“ betont Henrik Dosdall in seinem Beitrag, dass der IS etwa durch die Anwerbung lokaler Kompetenzträger seine Infrastruktur professionalisiert und ein Machtsystem entsteht unter Billigung der temporären Zweckentkopplung: Aufbauhilfe zum Kalifat gegen Bares gewissermaßen. Damit sei der IS mehr als eine zweckorientierte Organisation und auf dem Weg zu einem nationalstaatlichen Konstrukt.

Doch es bieten sich auch andere Perspektiven mit anderen und m.E. weitreichenderen Schlussfolgerungen an. Der IS bemüht sich, Landstriche, Dörfer und Städte, sowie für deren Erhalt und Vernetzung wichtige Infrastruktur einzunehmen. Sie sollen den sogenannten Islamischen Staat dauerhaft bilden. Für einen Nationalstaat braucht es allerdings weit mehr: Es braucht Menschen, die sich diesem Staat anhängig fühlen. Eine gemeinsame Kultur und Sprache spielen dabei eine gewichtige Rolle. Wie es um die Verbundenheit zum IS, seiner propagierten Kultur und den damit verbundenen Normen jedoch tatsächlich bestellt ist, lässt sich anhand der Berichte kaum sagen. Klar ist jedoch, dass Gewalt und Folter als Zwangsmittel eingesetzt werden, um die von der IS-Obrigkeit diktierten Alltagsordnungen auf allen hierarchischen Ebenen durchzusetzen.

Nicht nur der Blick in das Innere ist entscheidend. Raumsoziologisch – und dabei v.a. in Anlehnung an Georg Simmel – ist die Abgrenzung zu anderen Gemeinwesen ein wichtiger Aspekt. Ein als solcher definierter Nationalstaat lässt sich durch seine klaren Grenzen ausmachen. Flüsse oder Bergmassive als Beispiele für Staatsgrenzen, die anhand natürlicher Gegebenheiten gezogen wurden, oder „unnatürlich“ geschaffene Grenzen durch Zäune und Posten markieren die deutliche Trennung zweier sozialer Gebilde, die wir Nationen nennen. Davon kann nun bei einem Blick auf das Territorium des IS nicht die Rede sein. Vielmehr muss hier von einem gefestigten Kernland rund um die Hochburgen (v.a. Rakka und Mossul) und einer darüber hinaus fragilen Kontroll-Peripherie ausgegangen werden. Weder lassen sich Aussagen über konsequente Kontrollen der als solche bezeichneten Staatsgrenzen belastbar bestätigen. Außerdem lassen die Berichte über die zuletzt zunehmenden Rückeroberungen von Landstrichen und Ortschaften durch die irakische Armee und die US-geführte Allianz fragen, warum der IS nicht die vehemente Kampfkraft zur Verteidigung des errungenen Territoriums aufbringt, die er zu dessen Erstürmung mobilisierte.

Die wichtigen Aspekte fragiler Macht sind in der sozialen Konstitution des IS zu sehen:  Die Kämpfer sind in der Mehrzahl nicht aus der hiesigen Bevölkerung. Vielmehr bestehen die Kampfgruppen aus Söldnern und Dschihadisten verschiedenster Nationalitäten. Sie gelten als Invasoren, denn sie sind im Sinne Simmels keine „Bodenbesitzer“ in ihren eroberten Territorien und bleiben deshalb stets distanziert betrachtete Fremde.
Desweiteren ist für die soziale Ordnung der IS-Bewegung empfindlich störend, dass an infrastrukturell wichtigen Stellen vermehrt zweckfremde Akteure, also im Sinne des IS „Ungläubige“ Verantwortung übernehmen müssen. Zwar trägt dies auf den ersten Blick zur Professionalisierung der Strukturen bei, doch macht sich der IS damit zunehmend von Akteuren abhängig, die in Zeiten wechselnder Machtverhältnisse nicht den ideologischen Rückhalt bieten, um die geforderten Ordnungs- und Handlungsprinzipien weiterhin durchzusetzen.
Die kompromisslose Haltung gegenüber Kritikern verstärkt die soziale Distanz zwischen den Eroberten und den zumeist fremden IS-Kämpfern. Aufgrund der zahlreichen drastischen Folterungen und Tötungen während der Eroberungen und ihrer internationalen Zusammensetzung mangelt es der Kampftruppe am nötigen ideologischen, personellen und materiellen Rückhalt in der lokalen Bevölkerung. Auch die Verpflichtung der einheimischen Männer und Jugendlichen zur Mitgliedschaft ändert daran nichts. Die berichteten Racheakte für Verweigerungen bis hin zu Revolten gegen den IS, etwa in der libyschen Stadt Sirte, manifestieren eine Polarisierung der Bevölkerung in Unterdrücker und Unterdrückte. Im Anschluss an Thesen des Philosophen Elias Canetti lässt sich feststellen, dass hier zwar Gewalt über die Bevölkerung ausgeübt wird. Ein wahrer Machthaber allerdings „kann immer nur dasselbe im anderen erwarten.“ Es ist fraglich, ob Unterwerfung unter eine Gewalt instrumentalisierende soziale Gruppierung und die gleichzeitige materielle und ideologische Verteidigung ihrer Werte zueinander passen – und damit, ob der IS langfristig Macht ausüben kann. Gerade in Gebieten, die nicht im Kernland des IS liegen, kann dies die weitere Ausbreitung verhindern. Was bleibt, ist eine Gruppe, die starke Bemühungen zeigt, staatliche Strukturen zu errichten, der es allerdings an der gefestigten sozialen Einflusssphäre mangelt, den beanspruchten Raum auch zu kontrollieren. Sie kann ihn nur dort halten, wo sie ausschließlich und homogen aufgestellt ist.
Eine homogene Gruppenzusammensetzung, auch das deutete Simmel bereits an, ist vor allem dort von großer Wichtigkeit, wo sich insgesamt ein sozial heterogenes Bild darstellt. Nicht erst seit dem Ausbruch des Bürgerkriegs in Syrien wird deutlich, dass die nationalstaatlichen Konstrukte, die in Zeiten der Kolonialisierung auf die Gebiete des Nahen Ostens angewendet und nach der Kolonialzeit zumeist westlich verbündeten Machthabern überlassen wurden, die kulturellen Grenzen ignorieren und so für Konfliktpotenzial unter in Staaten zusammengeführten Gruppen und durch Staatsgrenzen getrennten Gruppen sorgen. In diesem Sinne hat sich der IS der Herausforderung angenommen, an der andere Machtapparate in kleinerer Größenordnung bereits gescheitert sind: die Beherrschung der vielen, heterogenen kulturellen Gruppen des Nahen Ostens.

Bislang hat sich gezeigt, dass Anspruch und Wirklichkeit weit auseinander gehen. Aus den besprochenen Blickwinkeln lässt sich der IS nicht als Nationalstaat fassen, er lässt sich als soziale Bewegung, mitunter als „Massenbewegung“ (Canetti) beschreiben, die sich damit brüstet, Muslime aus der ganzen Welt zu vereinen. Etliche Beiträge, u.a. der viel diskutierte Bericht des Journalisten Jürgen Todenhöfer über seinen Aufenthalt beim Islamischen Staat, zeugen davon, dass ausländische Kämpfer durchaus einen hohen Stellenwert für das Bestehen und Ausbreiten des IS haben. Bei ihrer Betrachtung treten zwei Dinge zutage:

1. Ihre vorwiegende Sozialisation – genau wie ihre ersten Berührungspunkte mit dem islamischen Glauben – haben sie in ihrer westlichen Heimat erfahren. Den Ausschlag für die Hinwendung zum Radikalismus geben vermeintlich unüberwindbare Schicksalsschläge, wie auch der IS-Rückkehrer Ebrahim B. berichtet. Dabei zeichnet sich das Bild junger Erwachsener ab, die mit Zurückweisung, persönlichem Misserfolg und Orientierungslosigkeit in ihrem direkten Umfeld ein generelles Problem für sich identifizieren. Der Schritt zur radikalen Religionsausübung, – besonders die Wandlung beispielsweise eines deutsch geborenen, christlich erzogenen Jugendlichen zum Salafisten – kommt dabei weiteren Zurückweisungen im sozialen Umfeld zuvor: Die Außenseiterrolle, die zuvor als Peinigung durch die Umwelt empfunden wurde, wird nun zum Ausweis einer besonderen Individualität uminterpretiert. Deshalb bestehen die Versprechen des IS für alle, die sich seinen Kampfgruppen anschließen: Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe Gleichgesinnter, Macht und Gewalt über andere Gruppen, religiöse und moralische Deutungshoheit, sexuelle Befriedigung etc. – abseits der bekannten gesellschaftlichen Strukturen, die im Zuge dieser Wandlung eine Dämonisierung erfahren, die es leicht macht, sie schließlich grundsätzlich zu verneinen. Soziale Kontakte und Familienzusammenhänge, aber auch Gleichbehandlung der Geschlechter oder Demokratie als Prinzipien werden zu Feindbildern, da sie als heuchelnde Worthülsen und ihre Verfechter als Anhänger eines unethischen Irrglaubens enttarnt scheinen. Anklänge dessen lassen sich u.a. im Todenhöfer-Interview heraushören.

2. Die aus der westlichen Welt einreisenden Kämpfer bilden nicht nur große Teile des Fußvolks, das im Namen des IS Städte und Dörfer einnimmt, sondern sie werden mit ihren Fähigkeiten oft auch dort eingesetzt, wo sie zur Mobilisierung weiterer kampfbereiter Jung-Radikaler beitragen können. Eine wichtige Rolle spielt dabei das Internet. Die mediale Begleitung der Aktivitäten des IS, die besonders durch die Möglichkeiten von Onlinediensten wie Twitter geboten ist, lässt der Habermas’schen Denke eine verstörende Buchstäblichkeit angedeihen: Handlungen sind Kommunikation. Die Dokumentation der Kampf- und Gewalthandlungen und ihre Veröffentlichung im Internet sorgen mittels ihrer Brisanz für Aufsehen. Sie bilden das Alleinstellungsmerkmal des IS gegenüber anderen Gruppierungen und stehen in ihrer Bezeichnung als rechtmäßige Handlungen im Namen eines so genannten islamischen Wertesystems im krassen Kontrast zu westlichen Wertvorstellungen. Hinzu kommen geplante propagandistische Kampagnen, die auf unterschiedlichen Kanälen publiziert werden. Der IS beschäftigt dafür reine Kommunikations- und Medienabteilungen, in denen – glaubt man den Ausführungen Todenhöfers, vor allem deutsch gesprochen wird.

Aus diesen Perspektiven ergeben sich wiederum folgende Schlussfolgerungen: In seiner Kommunikation bildet die westliche Welt den Referenzpunkt des Islamischen Staates. Deshalb verwendet der IS nicht nur professionelle Mittel der Werbung in Video- und anderen Internetbotschaften, er begibt sich in allen Ebenen der Kommunikation auf „westliches“ Terrain. Auch im Anspruch des IS, als Nationalstaat zu gelten, geht es vielmehr darum, mittels der Wortwahl für ein Bedrohungsszenario besonderen Ausmaßes zu sorgen. Die Auseinandersetzung mit einer im Nahen Osten wütenden Terrororganisation wirkt öffentlich schließlich lange nicht so einschüchternd wie der Krieg gegen einen mehrere Länder vereinnahmenden Islamischen Nationalstaat, der die westliche Welt bedroht. Der IS bedient sich hier, wie in seiner Betonung der kontrastiven Wertgegensätze, letztlich nur eines westlichen Sprach- und Handlungscodes. In seiner Kommunikation ist er deshalb ausschließlich gen Westen orientiert: Einerseits bezogen auf die politischen Akteure, die es zu beeindrucken gilt; andererseits sollen Mitstreiter in den Bann des vermeintlichen Kampfes der Kulturen gezogen werden. Hinter dem Bemühen um mediale Aufmerksamkeit steckt das Bedürfnis des IS, vermehrt jugendliche Kämpfer aus der westlichen Welt anzulocken. Deren religiöse Radikalisierung ist die Folge einer Adoleszenzkrise, zu deren vermeintlicher Bewältigung die Befriedigung sozialer Bedürfnisse und individueller Wünsche führen soll. Für die Bekämpfungsstrategen lässt sich dies auf die einfache Formal bringen: Ohne Jugend kein Islamischer Staat! Es braucht deshalb aufklärerisches Engagement und einen weitreichenden Diskurs, der den IS als ideologischen Profiteur misslungener Krisenbewältigung individueller Sozialisations- und Integrationsprozesse entlarvt. Ein offener Diskurs über einen aufgeklärten Islam in Europa würde diese These ganz selbstverständlich einrahmen.

 


Quellen:

Canetti, Elias 1980: Masse und Macht. Fischer Verlag, Frankfurt a. M.

Simmel, Georg 1983 (1903): Soziologie des Raumes. In: Ebd.: Schriften zur Soziologie. Suhrkamp, Frankfurt a. M.

 

Weitere Literatur:

Mansour, Ahmad 2015: Generation Allah. Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen. Fischer Verlag, Frankfurt a. M.

 

Maximilian Berger

Herzlich Willkommen auf der zukunftspromenade!

Das Jahr 2015 ist gerade hinter uns und zeigte sich – nach meinem Eindruck – so bewegt wie kaum ein Jahr zuvor. Unterschiedlichste politische und gesellschaftliche Herausforderungen beschäftigten uns in den vergangenen zwölf Monaten, dass man sich wünscht einen Moment innehalten zu können, um alles der Reihe nach zu sortieren. Leider wird uns das in Zeiten globaler Vernetzung und Kommunikation kaum zugestanden – das Weltgeschehen steht auch nicht an Feier- oder Ferientagen still.

Finanz- und Wirtschaftskrise, Ukraine-Konflikt, Klimawandel, Syrienkrieg, islamistischer Terrorismus und insbesondere die Ausbreitung des „Islamischen Staates“ (IS), Flüchtlingsbewegung etc. – das waren nur einige Schlagworte, mit denen es sich als politisch Interessierter im vergangenen Jahr auseinanderzusetzen galt. Als solcher habe ich diese gesellschaftlichen Herausforderungen, die meiner Ansicht nach ausnahmslos alle erhebliche Auswirkungen auf unser gesellschaftliches Leben haben, mehr oder weniger intensiv verfolgt. Im Kern ist die Frage nach dem rechten Umgang mit diesen Problematiken eine Frage nach der grundlegenden Verfasstheit der Gesellschaft. Um diese Verfasstheit dreht sich das allermeiste auf der zukunftspromenade.

Kurz zu meiner Person: Mein Name ist Maximilian Berger, ich bin Soziologe und seit einiger Zeit bereits im weitesten Sinne mit dem Thema gesellschaftlicher Idenitäten befasst. Im Zuge des enormen Flüchtlingsaufkommens im Jahr 2015 und der daran anschließenden Debatte über den richtigen Umgang mit den Menschen bzw. eine adäquate Integration kam ich immer wieder zu der Fragestellung: Wohin sollen sich die ankommenden Menschen eigentlich integrieren? Welche „Spielregeln“ jenseits gesetzlicher Normen können denn als festgeschrieben und für alle in Deutschland Lebenden als Denk- und Handlungsgrundlage vorausgesetzt werden?

Eine Lösung dieser Fragen – welche m.E. die zentrale Debatte der mittleren und jungen Generation für die kommenden Jahrzehnte anstoßen – wird hier auf der zukunftspromenade in Kleinstschritten unternommen. Anders ist dies auch überhaupt nicht möglich: Wer glaubt, dass man Einwanderern nun einen Regelkatalog überreichen kann, den sie unter Androhung der Ausweisung einhalten und so in ihre Wertvorstellungen übernehmen, kann sich kaum ernsthaft mit der Thematik beschäftigt haben. Vielmehr ist es notwendig, anhand kleiner, auch alltäglicher Beispiele zu analysieren, wie sich eine kulturelle Gemeinschaft als Wertegemeinschaft und damit als identitätsstiftende Bezugsgröße von Individuen konstituiert und entwickelt.

Auf der zukunftspromenade geht es deshalb zu wie auf jeder Strandpromenade: Es geht ums Beobachten, ums Sehen und Gesehenwerden, während man einem mal schemenhaft, mal fest fokussierten Ziel entgegen geht. Für diesen Blog bedeutet das: Mitlesen, Mitdiskutieren, Anregen, Kritisieren und innovative Einfälle und Ideen einstreuen, damit wir gemeinsam im Diskurs Schritte in eine wie auch immer geartete richtige Richtung gehen.